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Gabriele Stehle

aus
Agnes
Flash Fiction

Schließlich sitzen wir alle am Tisch. Agnes hat einen Apfelkuchen gebacken. Die Schlagsahne residiert in einer kleinen Kristallschale. Ich bringe kaum etwas herunter, jeder Bissen steckt mir wie Sägespäne im Hals. Es wird über irgendetwas gesprochen. Ich versuche noch nicht einmal, so zu tun, als hätte ich eine Ahnung, worum es geht, denn Agnes schreitet um den Tisch herum und bietet zweite Portionen an.
Alex hält ihr seinen Teller hin.
Er lächelt zu ihr hoch.
Ich ertrage es kaum, ihm ins Gesicht zu schauen.
Und dann nimmt er Agnes' Hand.
aus
Die trügerische Farbe der Hoffnung
Flash Fiction

Wie sehr hat sie sich auf jede Probe gefreut, jeden Auftritt. Weil sie ihn sehen würde. Weil sie hoffte, immer wieder aufs Neue. Einen Wimpernschlag lang schien eine gemeinsame Zukunft möglich. Die erste Verabredung initiierte er. Küsse im Rosengarten. Liebestrunkene Leichtigkeit. Sie segelten mit ihren Fahrrädern durch den sommerglühenden Nachmittag. Segelten zu ihr nach Hause, geradewegs in ihr Bett.
Momente, die in ihren Zellen abgespeichert sind; ein Fotoalbum aus bewegten Bildern, die sie jederzeit vor ihr geistiges Auge rufen kann. Doch was sich vordrängeln will, sobald sie an ihn denkt, ist jener unwirkliche Moment in seiner Wohnung.
Hannes am Fenster, mit dem Rücken zu ihr.
Noch kann sie ihn in Schach halten.




aus
Seepferdchen
Kurzgeschichte

Unter der Treppe steht eine Bank. Ein Eis essendes Paar in mittlerem Alter rückt näher zusammen, als Connie sich ans andere Ende setzt. Wenigstens ist es hier schattig. Kleine Wellen plätschern an den Steg. Alles ist aus Holz, grob gezimmert und dunkel gelaugt, der Bootsschuppen, der Landungssteg, der Zaun, der das Grundstück umschließt. Alles sieht heruntergekommen und staubig aus. Sie schließt die Augen. Über ihr auf der Treppe plappert Mellie, ab und zu hört sie Paul etwas entgegnen. Er klingt amüsiert.
Träge verrinnt die Zeit. Die Menschenschlange arbeitet sich gemächlich die Treppe hinauf und durch den Kiosk hindurch. Einzeln oder paarweise, mit einem Eis oder einem pinkfarbenen Papierschnipsel in der Hand, kommen sie am anderen Ende der Treppe wieder herunter. Sie sitzt still, atmet. Für einen kurzen Moment lässt der Druck in ihrem Innern nach und sie fühlt sich fast friedlich.
"In zehn Minuten kriegen wir ein Boot!" ruft Mellie. "Papa sagt, ich darf in den See springen!" Strahlend rennt sie auf sie zu und schwenkt einen dieser pinken Zettel. Hinter ihr schlendert Paul heran.
"Paul. Ich dachte, wir hätten das geklärt."
"Ach, komm schon." Er winkt lässig ab, eine Geste, mit der man Wespen verscheucht. "Was soll denn passieren. Wir sind beide bei ihr. Sei doch nicht immer so überängstlich."
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