back

Gabriele Stehle

Die trügerische Farbe der Hoffnung

Flash Fiction

Sie stellt das Telefon zurück in die Ladestation, langsam, tastend, wie plötzlich erblindet. Sie kann sich nicht erinnern, was Bosse noch alles gesagt hat nach dem Überbringen der traurigen Nachricht. Was sie geantwortet hat. Ob sie geantwortet hat. Vorsichtig, als sei etwas in ihrem Inneren in Gefahr, zu zersplittern, geht sie zur Kommode unter dem Rosenspiegel, einem Abschiedsgeschenk der Band. Zündet eine Kerze an. Sieht Bosses Gesicht vor sich.
Das Erstarren seiner Züge, als sie ihm sagte, dass sie aussteigen wolle. Am liebsten sofort.
Sie hatte sich vor dem Probenraum mit ihm getroffen, zeitig, sodass sie Hannes nicht nochmal begegnen musste.
Als alle Kerzen und Teelichter brennen, sind es noch immer zu wenige. So viele Kerzen gibt es gar nicht, wie sie anzünden möchte für Hannes.
Wie hat man auf einmal einen Hirntumor?
Sie erinnert sich an die endlosen Nachmittage, die sie mit ihm und seinem Kontrabass verbracht hat. Wie er Jazzstandards mit ihr übte. Geduldig, konzentriert, zurückhaltend, der typische Bassist. Jemand, der lieber im Hintergrund bleibt, dabei unverzichtbar für das Ganze, der Herzschlag des Sounds. Sie spürt es nicht. Wie kann er tot sein, wenn sie es nicht fühlen kann?
Es ging unheimlich schnell, sagte Bosse. Hannes habe eine Zeitlang ungewöhnlich oft und heftig K opfschmerzen gehabt. Wer denkt denn bei Kopfschmerzen gleich an einen Hirntumor.
Dann sei er bei einem Auftritt umgekippt. Einfach so.
Drei Monate später war er tot.
Ein ungewöhnlich aggressiver, bösartiger Tumor, sagte Bosse, da sei nichts zu machen gewesen.
Offenbar war er frisch verliebt gewesen, seine Freundin untröstlich. Am Ende habe er niemanden mehr erkannt.
Sie atmet tief ein und aus.
Sieht Hannes am Fenster.
Wie sehr hatte sie sich auf jede Probe gefreut, jeden Auftritt. Weil sie ihn sehen würde. Weil sie hoffte, immer wieder aufs Neue. Einen Wimpernschlag lang schien eine gemeinsame Zukunft möglich. Küsse im Rosengarten, liebestrunkene Leichtigkeit. Sie fuhren mit ihren Fahrrädern durch den sommerglühenden Nachmittag, gingen zu ihr nach Hause, geradewegs in ihr Bett.
Momente, die in ihrem Herzen abgespeichert sind. Ein Fotoalbum der bewegten Bilder, die sie jederzeit vor ihr geistiges Auge rufen kann. Doch was sich vordrängeln will, sobald sie an ihn denkt, ist jener unwirkliche Moment in seiner Wohnung.
Hannes am Fenster, mit dem Rücken zu ihr.
Noch kann sie ihn in Schach halten.
Bei ihrem ersten Besuch hatte er Kuchen besorgt, setzte Teewasser auf. Sie schaute sich derweil um. Es war gemütlich bei ihm. Alte Möbel, Bücherregale, altmodische Teppiche, alles etwas staubig. Sie saß auf einem samtig grünen Sofa, auf dem Tischchen vor ihr ein Durcheinander aus Notenblättern und Stiften; eine benutzte Tasse mit Sprung, ein Krümelteller.
Er setzte sich, wählte den hölzernen Armstuhl ihr gegenüber. Stand wieder auf, kam linkisch um den Tisch herum, setzte sich neben sie. Augen klar wie Bergseen. Sein Gesicht weich und offen.
So hatte er sie noch nie angesehen.
Die Teeuhr piepste.
Da küssten sie sich schon. Ich muss mich um den Tee kümmern, murmelte er an ihrem Hals.
Sie schob beide Hände unter sein T-Shirt.
Bist du sehr teedurstig? Ein Zittern in seiner Stimme.
Die Teeuhr piepste unablässig.
Geht die von alleine aus? Sie atmete in sein Ohr, er erschauerte unter ihren Händen.
Sie küssten sich weiter, drängender jetzt.
Irgendwann hörte die Teeuhr zu piepsen auf.
Nun lässt es sich nicht mehr wegschieben, das letzte Bild. Hannes vor einer riesigen Fensterfront, deckenhoch, wie das Aquarium im Zoo. Schimmerndes Licht in der Farbe geschmolzener Smaragde strömt durch die Baumkronen herein.
Das kann so nicht gewesen sein, sie weiß es, seine Fenster waren normal groß. Aber die Erinnerung ist ein unzuverlässiges Instrument und beharrt auf einer eigenen Bildgestaltung.
Hannes also, vor dem Aquariumsfenster, wie er schweigend hinausschaut. Einen Moment länger noch darf sie denken, sie seien ein Paar, darf glücklich sein, weil er sie liebt. Dann dreht er sich um und sagt, was zu sagen er mit dem Rücken zu ihr den Mut gesammelt hat.
Es tue ihm unendlich leid.
Es sei nicht seine Absicht gewesen, sie in die Irre zu führen.
Sie sei wunderbar, aber.
Seine Gefühle sind nicht dieselben wie ihre.
Und dann noch einmal, wie unendlich leid es ihm tue.
Sie sieht ihm an, dass das stimmt. Er sieht furchtbar aus. Es tut ihm weh, ihr das sagen zu müssen.
Das Aquarium verschwimmt vor ihren Augen. Hinterher wird sie die Erinnerung martern, wie vollständig sie die Fassung verlor. Sie weint, als könne sie nie wieder aufhören. Er steht da, hilflos, mit hängenden Armen, weiß nicht, was er machen soll. Sie greift blind nach ihren Sachen, steht auf. Er bewegt sich auf sie zu.
Sie sagt, er solle bleiben, wo er sei.
Rennt weinend hinaus.
Zur nächsten Probe wird sie sich krank melden.
Und zur übernächsten, und der danach.
Er rief nicht mehr an. Der Rosenspiegel kam mit der Post, nachdem sie unwiderruflich aus der Band ausgestiegen war. Es lag eine Grußkarte dabei. Beste Wünsche, man werde sie vermissen. Alle hatten unterschrieben, auch Hannes.
Sie sitzt regungslos, bis es dunkel wird, nicht bereit für die Endgültigkeit, mit der er nun nicht mehr da ist.
   back