back

Marga Sonnen

Die Tonspur

"Warte mal", sagte er, bevor sie zusammen zum Bahnhof aufbrachen. Ella hielt bereits die Klinke in der Hand. "Ich habe hier noch etwas für dich".
Er hielt ihr seine rechte Hand hin. Das Lächeln auf seinem Gesicht geriet schief. Dass sich etwas geändert hatte an seiner Art, sie anzusehen, fand sie.
Sie runzelte die Stirn: ein Geschenk? Vorsichtig tippte sie auf seine Hand, die er jetzt bereitwillig öffnete. Ein kleiner MP3 Player lag darin, einer von den billigen Dingern, Massenware, wie man sie auf dem Flohmarkt kaufen konnte. Sie sah zu ihm auf.
"Ich habe dir was aufgenommen. Für die Fahrt und, naja, für die nächste Woche".
"Perfekt!"
Das letzte Mal, dass er ihr Musik aufgenommen hatte, lag sechs Monate zurück, damals hatte er ihr mehrere Stunden mit elektronischer Musik, Drum 'n Bass und Hip Hop abgemischt. Musik für den Alltag, für die langen Wege mit dem Fahrrad und der Bahn. Seit dieser Zeit besaß auch sie diese klobigen Kopfhörer, über die sie sich vorher immer lustig gemacht hatte.
Sie küsste ihn auf die linke Wange und ließ das Ding in die Innentasche ihrer Jacke gleiten.
"Ich freu mich. Danke, Yussuf. Jetzt müssen wir aber los."
Sie rannte die Treppe hinunter, Yussuf hinter ihr her. Unten warfen sie sich in den alten roten Polo. Der Weg zum Bahnhof war längst ein Teil ihres Wochenendrituals. Ihnen beiden kam dann die Sprache abhanden und Ella legte ihre Hand auf sein rechtes Bein, um noch ein letztes Stück seiner Nähe aufzubewahren. Heute wollte ihre Hand nicht liegen bleiben. [... mehr ...]


Highway

Sie hatten entschieden über Nacht zu fahren. Und die Zeit zwischen Nachteinbruch und Morgen war merkwürdig schnell vergangen. Sie hatte gegen Zwei das Steuer von Susan übernommen, die gleich danach auf dem Sitz neben ihr eingeschlafen war. Hier lag sie eingerollt wie eine Katze, nur ihre dunklen Haare waren noch zu sehen.
Das Lenkrad war ungewöhnlich glatt und riesig für ihren Geschmack, Holzimitiat. Problemlos ließ es sich zwischen den Knien halten, während sie eine Zigarette drehte oder Eistee aus Dosen trank.

Ihre Augen hatten sich rasch an die Dunkelheit gewöhnt. Sie mochte den Lichtkegel des tastenden Scheinwerfers über dem Strassenrand, wo immer wieder struppiges Gebüsch aus dem Dunkel aufstand. Im unendlich sich dehnenden Nichts der Prärie war das Fehlen von Lebenszeichen vermutlich das, was sie am meisten beeindruckte.

Bald fühlte sie sich wie in einer Kapsel, das Brummen des Motors drang gleichförmig und gedämpft nach innen, Entfernungen waren nicht zu schätzen, die Dimensionen schwanden. Wach zu bleiben und das Auto am Fahren zu halten schien das einzige zu sein, was ihr abverlangt wurde.
Dass der Horizont fehlte. Dass das 'nichts denken' nicht funktionierte, dachte sie, schon lief das Gedankenkarussel an.

Dass Susan es empfohlen hatte: 'denk einfach nichts!'. [... mehr ...]

   back